Meine Welt und wie sie „jetzt“ ist

ich bin auf dem Holbeinsteg. Es ist früh am Morgen. Genaugenommen um 7 Uhr Morgens. In Zeiten von Corona. Noch nie hatte ich so viel Platz um mich herum. Soviel Weite. Ich bin allein. Ich mache die Dinge, die ich immer mache. Ich strukturiere meinen Alltag. Gehe Spazieren. Koche Essen, meditiere, musiziere, schreibe. Rede mit Kontakten am Telefon, über Skype oder Facetime, Sms und Whatsapp. Und sehe Fern, höre Radio.
Stehe ich das durch? Ist immer wieder meine Frage. Wie lange kann ich meine Struktur aufrecht erhalten? die nächste. Wie lange wird es so weiter gehen?
Eigentlich fragen die ich mir immer stelle.
Der Wind bläst mir um die Ohren. Es ist kalt, heute am 23. März. Ich denke an meinen Vater, an einen sehr guten Freund. Sie haben heute beide Geburtstag. Ich werde sie kontaktieren um ihnen ein paar nette, wärmende Worte zu sagen. Jetzt gehe ich die Treppen herunter und lasse den Steg hinter mir. Eine Spaziergängerin kommt mir entgegen. Sie hält Abstand, ich halte Abstand. Und wir sehen uns an und wir lächeln uns zu. Meine Hände sind kalt. Ich stecke sie in meine Taschen. Gehe weiter, dem Eisernen Steg entgegen. Noch ein bisschen mehr Luft schnappen, Licht und Sonne. Meine Schritte sind sicher. Ich weiß ja, wo es lang geht.
Ich denke wieder an meinen Vater, an meinen Freund und ich werde plötzlich demütig. Bin froh dass mein Vater noch lebt. Bin froh, dass ich einen so guten Freund habe wie F. Ich bin froh dass Whatsapp funktioniert und mein Handy zum Glück auch und erfüllt von Dankbarkeit werden meine Schritte etwas schneller. Ich verspüre Freude.
Es ist still. Auf den Straßen fahren kaum Autos. Am Himmel fliegen keine Flugzeuge mehr. Ich schaue mich um. Es ist, als ob sich die Natur erholt. Diese Stille und diese Ruhe erreichen mich. Die Schönheit dieser Gegend beschleicht mich und ich fühle mich berührt davon. Wie immer. Nur intensiver. Es ist da. greifbar. Und überall.
Meine Welt und wie sie jetzt ist, ist die Welt, die gleiche von gestern.

Heute ist es genauso kalt wie gestern. Ich bin in der frischen Luft am Main unterwegs. 7 Uhr Morgens.
Einige Fahren auf ihren Fahrrädern zur Arbeit. Einpaar Spaziergänger, so wie ich, gibt es auch. Heute fahren auch mehr Autos. Ich laufe in dieser sonnigen, frühen. Kälte und strukturiere meinen Tag im Kopf. Mein Gedächtnis hält die Aktivitäten, die Vorhaben, für diesen Tag fest.
Eine ältere Nordic Walkerin kommt mir entgegen.
Die meisten der Passanten, oder der Spaziergänger am Main, vermeiden den Blick. So wie immer. Aber sie grüßt mich und lächelt. Ich zurück. Das freut mich. Ich glaube sie auch.
Ich respektiere die Tschechen, die alle dieser Tage eine Mundschutzmaske tragen. Wir tragen keine und es wäre schön, wenn wir mehr lächeln würden, wenn wir auch mehr Achtung voreinander hätten. Egal wer vor uns steht. Man kann sogar mit Mundschutzmaske Respekt voreinander haben. In dem man schaut, freundlich schaut, und mit dem Kopf nickt. Das ist auch ansteckend. Wenn wir die Freundlichkeit zu einem Hobby machen würden, das unsere eigene Seele streicheln soll, dann würden wir viele damit anstecken. Abstand, Freundlichkeit und Respekt wären eine tolle Pandemie.
Und einige Passanten, machen mit ihrem Ego genauso weiter wie immer. Vor mir wird die Straße enger, als ich im Anschluss zu meinem Main Spaziergang noch einen Brief, den ich geschrieben habe, ich schreibe immer Briefe. Auch vor Corona schon, zum Einwerfen bringe.
Die Passantin die auf mich zukommt, ich bin sicher, wird trotz der Enge, die Seite nicht wechseln. Ich merke es an ihrer Körpersprache. Ihr Ego ist trotz der Entfernung deutlich spürbar und schon bei mir angekommen. Es will hier durch, um jeden Preis. Ich springe auf die andere Straßen Seite. Was sie jetzt wohl denkt ? „Haha ich bin toll, ich bin groß und ich habe gewonnen“… oder, „hm, diese Frau hat freiwillig die Straßenseite gewechselt, darüber muss ich nachdenken…“
ich kann es leider nicht wissen. Denn ich kann nur die eigenen Gedanken denken und hören. Und sie umsetzen. Wenn es sich lohnt, sie umzusetzen. Die Welt in der ich lebe und wie sie jetzt ist, ist sie wie immer. Bevor ich nach hause gehe, gucke ich noch bei Tegut vorbei. Ich möchte wissen, ob sie, die gestern Angekündigten, Frankfurt weiten, Maßnahmen befolgen. Nur noch eine bestimmte Anzahl an Leuten in die Geschäfte zu lassen. Ich stehe vor dem Eingang und lese, dass es kein Klopapier mehr gibt. Nun ja, das ist keine Neuigkeit. Und auf manche Dinge ist wirklich Verlass.

Heute am 25. März 2020, um 7 Uhr Morgens, am Main, zwickt die Kälte meine Wangen. Mein Gedanken Kraftwerk in meinem Kopf, ist sehr lahm. Plötzlich sehe ich eine Gestalt auf ihrem Fahrrad an mir vorbei fahren. Ich sehe diese Gestalt und ihre warmen Blicke treffen mich mitten ins Herz. Sie ist eine Frau um die 60 und ihr Körper ist korpulent. Ich mag ihr Gesicht. Und wie sie mich ansieht. Ich vermute sie ist Chinesin. Und sie weckt in mir ein Gefühl von Mutter. Es kommt mir so vor als ob sie gleich „Miracoli“ auf chinesisch rufen wird und alle tanzen vergnügt an.
Ich finde unsere Unterschiede wichtig. Mittlerweile, kann ich die Gesichter gut, in die jeweiligen Länder zuordnen. Behaupte ich mal. Ich sage ungern Asiaten, oder Afrikaner, Südländer zu den Menschen und schmeiße sie alle in einen Topf. Ich mache mir gern die Mühe ihre Unterschiede wahrzunehmen. Das macht mir Freude und Spaß. Ich lese ihre Gesichter. Bei den „Asiaten“ bin ich schon ziemlich gut. Ich kann Koreaner, Thailänder, Chinesen und Japaner, gerade die Menschen, die in unserem Land leben, immer besser auseinanderhalten. Bei den „Afrikanern“ wird es schwieriger. Drum lohnt es sich manchmal ein höfliches Gespräch anzufangen, um mehr über die Person zu erfahren. Außerdem habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die verschiedenen Akzente in der deutschen Sprache heraus zu hören. Dadurch erkenne ich den Menschen hinter dem Deutsch welches sie oder er spricht. Und freue mich wenn ich es bestätigt bekomme. Diese Unterscheidung hilft mir dabei, auch ein Gefühl für Sprachen zu entwickeln. Zum Beispiel wie russisch, spanisch, italienisch, persisch oder hebräisch. Auch wenn ich sie nicht verstehe, mache ich mir ein Spiel daraus, unbemerkt zuzuhören. Die Unterschiede sind wichtig. Wenn wir sie nicht erkennen, können wir uns nicht annehmen und lieben lernen.
Obwohl meine Gedanken heute einen größeren Anlauf brauchen, bin ich schon wieder in Denkprozessen. Und wenig im Hier und Jetzt. Der Main ist so wunderschön und das Hoch Jürgen auch. Ich aktiviere meine Sinnesorgane, um ins Jetzt zu kommen. Und stelle fest, das meine Ohren am meisten reagieren. Ich höre plötzlich alles auf einmal. Wahrscheinlich weil ich gerade isoliert bin, ist mein Gehör auf der Hut. „kommt der Wärter?, höre ich seinen Gang?“ …
weit und breit ist niemand, der gerade zu mir kommt. Weder der Wärter, noch der Postbote. Bevor ich die Stufen vom Eisernen Steg hinauf laufe, sage ich einem Straßenreiniger, der gerade die Abfalleimer leert. Guten Morgen. Das sprechen miteinander ist ja noch erlaubt.
Meine Welt und wie sie jetzt ist, ist meine Welt, wie immer.

Heute ist der 26. März, 2020. Ich bin draußen am Main und mache meinen morgendlichen Spaziergang. Es ist etwas anders. Ich bin etwas anders. Mir fehlt mein frei Sein. Seit gestern Mittag fühle ich mich bedrückt, verwirrt und beunruhigt. Die Situation in der ich stecke ist keine erfreuliche und ich will sie auch nicht romantisieren. Der Staat greift massiv in mein Leben ein. Direkter als sonst. Das belastet mich. Manche Menschen fühlen sich im Moment sehr gut beraten und betreut vom Staat, und für manche ist dieser Zustand alles andere als freiheitlich, demokratisch und würdevoll. Von Freunden die etwas ländlicher wohnen erfahre ich, dass sie ihr „normales“ Leben weiterleben. Sie gehen ihren Beschäftigungen und ihrer Arbeit nach. Aber wir Menschen in den Städten müssen uns einschränken. Und trotz des Abstandes, fühle ich mich sehr beengt. Wenn ich jedoch auf unsere näheren Nachbarländer blicke, oder fernere Länder mir anschaue, bin ich froh in Deutschland zu sein. Bis jetzt. Ich höre mir im Netz kritische Stimmen an und lasse alles was gerade erlebbar und erfahrbar ist, auf mich einwirken. Ich möchte bei mir bleiben. Bei mir sein. Und im Moment ist die Aufgabe eine Beobachterin zu sein. Das ganze geschehen einfach nur zu beobachten. Ich merke dass ich mir keine all zu schnelle und kurzfristige Meinung bilden darf. Es ist eine Zeit des Beobachtens, des geschehen Lassens. Und vielleicht irgendwann des Verstehens.
Ich fühle wie ich ruhiger werde. Meine Schritte sind gleichmäßig und ich schaue mir die Gesichter und Körper, die an mir vorbei ziehen, sanft und schlicht an. Gestern haben sie sich, im Parlament, bei all den Berufsgruppen, die jetzt ihrer Arbeit weiterhin nachgehen, mit einem Applaus bedankt. Ich jedoch halte es für unbedingt notwendig sich jeden Tag bei den Menschen zu bedanken. Das macht man doch so ? Wenn ich wo reinkomme, sage ich immer „Guten Tag“, „Auf Wiedersehen“ beim Rausgehen . „Danke“, und „Bitte“. Und meine Hände habe ich mir auch vor Corona schon immer gewaschen. Wenn ich draußen war.
Ich plädiere für mehr Freundlichkeit. Ich finde es bringt nichts sich zu bedanken, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Jeden Tag möchte ich mich darin üben, Herzenswärme und Herzensgüte auszusenden.
Jeden Tag, jeden einzelnen Tag, möchte ich applaudieren.
Ich möchte nun kurz Bezug nehmen auf das was ich gestern geschrieben habe. Natürlich spreche ich nicht jede Afrikanerin und jeden Afrikaner an, weil ich sie für die besseren Menschen halte, nein. Ich diskriminiere niemanden weder positiv, noch negativ. Aber wenn ich die Gelegenheit dazu habe, scheue ich mich nicht sie am Schopf zu packen. Und rede mit den Leuten.
Ich bin Made in Germany. Und lebe mein leben lang schon hier. Vor einigen Jahren, lief ich wieder einmal auf dem Eisernen Steg. Ich sah von weitem einen Mann mich beobachten, sich aufrichten und auf mich zukommen. Als er mich erreichte sprach er mich plötzlich auf türkisch an. Und fragte ob ich ein Foto auf seinem Handy von ihm machen könnte. Ich fand diese Situation äußerst spannend und fragte, wie er denn darauf gekommen sei, dass ich auch Türkin bin. Er schaute mir direkt in die Augen und sprach die Worte: „Wir erkennen unsere Menschen“…
Wir sind alle Menschen und wir sind alle gleich. Umso wichtiger sind also unsere Unterschiede. Ich sehe, dass jemand schwarz ist, ich sehe dass jemand klein ist, ich sehe dass jemand dick ist. Die Trennung ist nicht in meinem Blick, sie ist in meinem Urteil. Oder in meinem Vorurteil und der Verleumdung in meinem Kopf. Es gibt sie, die Unterschiede. Ich freue mich über sie und nehme die Menschen so an, wie sie sind.
Die Welt in der ich jetzt lebe, ist die gleiche.

…Doch wenn sich die Welt ändern kann, kann ich das auch.

Heute am 8. April, es sind ein paar Tage vergangen. Ich habe nichts mehr erzählt von meinen Spaziergängen. Es ist gerade mühsam für mich eine Linie aufrecht zu erhalten. Aber! Meine enormen Gefühlsschwankungen sind genauso anstrengend und deshalb versuche ich mich darin Stabilität zu üben. Das Level zu halten. Mir fällt die Decke auf den Kopf. In meiner kleinen Wohnung, in mitten Frankfurt am Main, so ganz ohne Balkon und Garten. Wenn der Haushalt erledigt ist und die alltäglichen Rituale vollzogen sind, werde ich müde.Ich werde schlaff. Erschöpft von mir selber, den eigenen Gedanken, falle ich in den Bauch der Passivität, der Lethargie. Lasse mich verdauen, von der großen Öde. Ich erkenne deutlich die Bedeutungslosigkeit der eigenen Person. Der eigenen Existenz.
Thich Nhat Hanh. Wenn man seinen Worten lauscht, sagt er, ich zitiere; „es wird zu einem immer gesagt, steh auf und tu etwas! Doch warum sagt man nicht setz dich hin und tu nichts?“
Ich glaube an die Echtheit und den tiefen Sinn, die hinter diesem Satz steckt. Und genau da, an diesem Ort, wo ich bin, tut es weh. Geplagt von ständigen Selbstzweifeln, versuche ich nicht gegen sie anzukämpfen, sondern sie zu lieben. Warum sollte ich von diesem Ort, des Nichts, weggehen? Warum sollte ich mich wieder ablenken, indem ich Dinge tue? Warum sollte ich mich billig beschwichtigen, wenn es doch weh tun darf. Es darf schmerzen. Ohne Schmerz und ohne Leid, keine Befreiung. Ich gehe meine Schritte auf diesem Asphalt am Main, sehe zu Boden und merke, dass die Sonne meinen Rücken wärmt. Es ist hell, es ist lebendig und quirlig. Die Welt ist bunt.
Und ich male in dieses Bild, ein Paar Schwarze Ecken und ein Paar weiße Kanten. Doch der Stift ist in mir und kritzelt meine Körperwände voll von Innen. Liebe deine Zweifel. Lass den Schmerz fließen, durch dich hindurch. Nimm an, dass du ein fühlendes Wesen bist. Und das ist auch gut so. Kämpfe weder dagegen an, noch geh davon weg. Bleib im Hier und Jetzt. Atme. Merke andere Gefühle werden kommen, sehe das Gefühl der Traurigkeit, ist nicht allein. Und wisse, du bist nicht deine Gefühle, Du bist nicht deine Gedanken. „ Du bist die Tochter der Sehnsucht, des Lebens nach sich selbst“ und deine sehnende Suche wird bis zum Ende da sein. Denn das ist Entwicklung, denn das ist Wachstum. Du bist ein winziger Teil von etwas ganz Großem. Du bist bedeutungslos, solange du danach strebst Geltung zu haben. Doch ist Geltung nicht ein normales Bedürfnis?
Möchte ich nicht etwas gelten? Etwas bedeuten? Nicht, wenn ich wirklich frei bin. Frei von den Anhaftungen meines kleinen ICHs, meinem großen Ego. Merke! Es gibt keine Hoffnung. Denn wenn es die Hoffnung gibt, gibt es auch die Enttäuschung. Und nur dein EGO, dein ICH verspürt diesen Teufelskreis. Akzeptiere die Hoffnungslosigkeit und lasse los. Komm darin an und erlebe, auf dem Boden der Hoffnungslosigkeit, die Entspannung und Anspannung. Das ist das Leben. Im Hier und Jetzt.
Setz dich hin und tu mal nichts. Das ist eine große Challenge. Gerade jetzt in der Zeit der Ungewissheit.
…wenn sich die Welt ändern kann, kann ich das auch.