©Buket

Keine Phantasie

„hättest du das jemals gedacht, dass du eines Tages von einem Virus bedroht wirst?“
fragt mich meine Mutter an diesen Tagen am Telefon. „ganz ehrlich?“ frage ich sie und sage „Ja“…
ich bin keine Wahrsagerin, die Schicksale voraus sagt. Und als besonders pessimistisch kann ich mich auch nicht bezeichnen. Ich glaube, trotz der vielen Kriege und Menschen verursachten Katastrophen an das Gute in ihm und ihr und an einen möglichen Frieden glaube ich auch und dass dieser in einem Selbst beginnt, weiß ich mittlerweile. Aber es gibt nach meiner Auffassung nach eben keine Sicherheit. Und diese für mich Tatsache, ließ mich natürlich viele Jahre phantasieren was mir und der Menschheit passieren könnte. Über Nacht. Ich habe mir schon sehr viel ausgemalt in meinem Kopf. Und ja, es passiert,- unaufhaltsam. Wir merken jetzt dass wir auf der selben Welt existieren, wie die, die schon lange bedroht sind; kämpfen, erkranken, sterben, ausgebeutet werden, vergewaltigt und getötet. Nur wir gucken nicht mehr aus dem Fenster und sehen die Angst, sondern sie klopft unmittelbar an unsere Tür.
Jetzt sind wir nicht mehr nur Zuhörer, die schaurigen Geschichten, aus den fernen Ländern lauschen, und Zuschauer die ihre Augen zuhalten wenn es brutal wird, nein. Es trifft uns mitten ins Herz. Inmitten Europas.
Wir sind geschwächt. Unsere Stabilität gerät zu wanken. Wir erleben ein Erdbeben. Und stehen unter Schock. Und merken deutlich unsere Verletzbarkeit und Fragilität.
Der Gang zum Lebensmittelladen wird für mich zu einer herausfordernden Prüfung. In den Läden ist die Angst, die Spannung und die Nervosität der Menschen greifbar. Viele halten keinen Abstand, haben sie es nicht begriffen? Wie lange wollen sie es noch ignorieren? Oder sind sie uneinsichtig? Ich habe viele Fragen. Werde Nervös, werde unachtsam, werde hektisch. Ich lass mich vor Allem von der Angst der Menschen anstecken. Zuhause angekommen bin ich unruhig und traurig.
Ich brauch einen Moment um mich zu regenerieren. Eine unsichere Zeit.
Wenn ich den Fernseher einschalte sehe ich Bilder, die mich beängstigen. Höre ich Worte die mir Furcht einflößen. Angst, die an meine Tür, an die Wände klopft und die, die die Fassade hoch zu krabbeln beginnt. Und ich weiß, ich bin allein, hier in meiner Wohnung, aber da draußen, nicht sehr weit weg, gibt es Menschen, von denen fast die meisten, das gleiche erfahren und erleben. Menschen die um das Leben ihrer Angehörigen bangen. Viele Soldaten Konvois die ihre Toten in der Nacht zum Krematorium fahren. Ja, mein Fernseher. Mein Fenster, derzeit nach Draußen. In Italien überfüllte Krankenhäuser und Ärzte und Ärztinnen am Limit. Menschen die mithelfen. Als professionelle oder ehrenamtliche. Menschen die ihr Leben für andere riskieren. Und in unserem Land Menschen die sensible Entscheidungen treffen, um uns Menschen zu schützen.
Und die Welt steht still. Dieser Satz könnte ein Satz aus einem Liedtext sein, ist er aber nicht. Er ist bittere Wahrheit geworden. Die Welt hält den Atem an. Flugzeuge fliegen nicht, Grenzen werden dicht gemacht. Die Welt wird geschlossen und der der Infiziert war und stirbt, stirbt allein und einsam.
Ich, hier in meinem kleinen Raum, überlege mir Strukturen die einen Alltag bilden sollen. Einen Alltag der beengt geplant werden will. Ja, auch in mir rüttelt etwas. Nagt an den Gedanken. Wann werde ich endlich eine vertraute Freundin wieder in den Arm nehmen können? Mit einem Freund, in einem Cafe, im freien, einen Latte Macchiato genießen können. Jemandem Nahe sein können?
Mich austauschen können und ihm, ihr dabei in die Augen sehen können? Lachen können? Das schlimmste am alleine sein ist, dass man alleine nicht lachen kann. Nicht reden kann. Nichts teilen kann. Einsamkeit ist das einzige was man nicht teilen kann. Gemeinsam teilt man das Miteinander, nicht die Einsamkeit. Die Einsamkeit ist etwas was nur für einen allein bestimmt ist. Ich war vorher schon einsam, bin es jetzt und nach Corona werde ich es auch sein. Nach der Krise, vor der Krise. Das gilt jetzt für alle. Dieses Schicksal teilen wir. Es geht um unsere Existenz und um unsere Existenzen. Ich weiß, dass diese Krankheit die meisten überleben, nur sie werden nicht mehr die sein die sie waren, sie werden nicht mehr dort sein, wo sie waren, sie werden neu beginnen.
Heute werde ich früh wach. Ich fühle Dankbarkeit. In einer Welt die den Ausgang nimmt.
Ich lasse den Fernseher aus und öffne seit langem wieder das Fenster zum Hinterhof um den Vögeln zuzuhören. Einpaar singen wirklich. Auch wenn sie es nicht mehr in ihrer Vielfalt tun. Ich bin leise und höre ihnen zu. Bei meinem Nachbar brennt Licht. Es ist um sechs Uhr am Morgen. Im Mitte März, in Frankfurt.
Ich höre leise, lauschend und gebannt einer Welt zu die neu erwacht. Aus dem Gestern. Eine neue unbeschriebene Seite. Trotz Virus. Vielleicht haben sie heute in der Nacht einen Impfstoff gefunden. Vielleicht sterben wir alle am Virus und die Welt geht unter.
Ich jedenfalls fühle Dankbarkeit. Liebe. Den Menschen gegenüber die jetzt an vorderster Front stehen. Von der Verkäuferin, bis hin zur Krankenschwester, von der Müllabfuhr, bis hin zum Ehrenamtler.
Solange es Menschen gibt, die aus freien Stücken für andere da sind, solange wird uns niemand unsere Freiheit nehmen können.

Ich sitze in meinem kleinen Raum, und erinnere mich noch gut daran dass ich an die Welt, die früher existierte, nicht geglaubt habe. Und an eine neue, gute Welt möchte ich glauben.